Die Gegner der Wohnschutz-Initiative zeichnen ein grausliches Bild von dem, was Zürich blüht, wenn das Stimmvolk am 14. Juni JA sagt: Unsere Wohnungen verlottern und energetische Sanierungen werden verhindert. Wir sehen Küchen mit vergammelten Kühlschränken und Badezimmer mit herabfallenden Plättli. Besonders angetan hat es mir eine Wand mit abblätterndem Putz und der provokanten Spray-Parole „Tschüss Netto Null?“

Verlogene Energiepolitik der Gegner
Es ist rührend, wie hingebungsvoll das Nein-Komitee sich um die energetische Sanierung und Dekarbonisierung des Zürcher Gebäudeparks sorgt. Von seinen zentralen Akteuren sind wir eigentlich Anderes gewohnt. Zeitgenossen, die nicht unter Erinnerungsschwäche leiden, erinnern sich noch gut an die Hetzkampagne von SVP und Hauseigentümerverband (HEV) gegen die Verschärfung des Energiegesetzes und den heroischen Kampf für das Menschenrecht der Hüslibsitzer auf die eigene Ölheizung. Und im September 2025 plädierte die FDP, Arm in Arm mit der SVP, für ein möglichst gemächliches Tempo bei Netto Null.
Das Genf-Bashing und die Fakten
Der Flyer des Nein-Komitees zeigt den Wohnschutz-Kanton Genf als Öko-Grüsel und Zürich als Musterschüler: über 80% nicht umfassend sanierte Gebäude im Kanton Genf gegenüber bloss 41% im Kanton Zürich! Mal abgesehen davon, dass diese Statistik aus dem Jahr 2012 (!) und aus einem Pamphlet des neoliberalen Wanderpredigers Marco Salvi stammt: Etwas mehr Faktentreue dürfte nicht schaden. Ich habe mich beim Bundesamt für Statistik kundig gemacht und die Statistik über die Heizsysteme in bewohnten Wohnungen in sechs grösseren Städten verglichen. Das Ergebnis ist aufschlussreich:
Quelle: BFS, Bewohnte Wohnungen nach Heizsystem und Energiequelle der Heizung
- 2000 weisen alle Städte einen sehr hohen Anteil – 90% bis 97% – an fossilen Heizungen auf. Das ist wenig verwunderlich. Der hohe Anteil an Miethaushalten bremst die Dekarbonisierung und Massnahmen zur Energieeinsparung, weil die Vermieter:innen ohne staatlichen Zwang oder finanzielle Anreize ein geringes Interesse an Investitionen haben, von denen am Ende vor allem die Mieter:innen in Form von Energieeinsparungen profitiert.
- Bis 2024 gelingt es Winterthur, Zürich und Lausanne, den fossilen Anteil spürbar zu senken. Der aktuelle Stand ist allerdings nicht gerade berauschend: Immer noch bis zu zwei Drittel der Wohnungen werden fossil beheizt. In Genf dagegen bleibt der Anteil mit 83% auch 2024 noch hoch, in Neuenburg ist er noch höher und in Bern nur unwesentlich tiefer als in Genf. Der Grund für die Verbesserung in den ersten drei Städten ist simpel und offensichtlich: ein starker Ausbau der Fernwärme. In Winterthur steigt der Fernwärme-Anteil massiv von 1.5% auf 21.8%, in Zürich von 7.9% auf 19.0% und in Lausanne von 7.9% auf 25.9%.
Quelle: BFS, Bewohnte Wohnungen nach Heizsystem und Energiequelle der Heizung
It’s not the Wohnschutz, stupid!
Was hat das jetzt alles mit dem Wohnschutz zu tun? In Genf und Lausanne gelten Wohnschutzgesetze, in Zürich, Winterthur, Neuenburg und Bern nicht. Trotzdem verläuft die Entwicklung in Genf und Lausanne total unterschiedlich. Nicht der Wohnschutz gibt den Ausschlag, wie unsere Gegner behaupten, sondern andere Faktoren: die Energiegesetzgebung und die Sanierungsvorschriften und -fristen, die Bereitstellung von Alternativen (etwa der Ausbau der Fernwärme), Förderbeiträge und ganz generell der politische Wille der Behörden.
500-Millionen-Klima-Offensive in Genf
Der Kanton Genf legt nicht die Hände in den Schoss. 2024 hat er das Energiegesetz revidiert und Verpflichtung und Fristen für den Heizungsersatz und energetische Sanierungen markant verschärft. Gleichzeitig haben unter Federführung des grünen Baudirektors Antonio Hodgers 14 Organisationen – von den Verbänden der Mieter und Vermieter über den Baumeisterverband bis zu den Gewerkschaften und dem WWF – im Februar 2024 eine historische Vereinbarung unterzeichnet, in der sie sich verpflichten, die nötige Dekarbonisierung gemeinsam voranzutreiben. sie enthält auch einvernehmliche Regelungen zur Mietzinsanpassung. Im Gegenzug hat der Genfer Grosse Rat einstimmig einen auf 10 Jahre angelegten Rahmenkredit von 500-Millionen für die Umsetzung der Klima- und Energieplanung beschlossen. Zum Vergleich: Der Zürcher Rahmenkredit 2023 – 2026 beläuft sich auf 84 Mio Franken, das sind 21 Mio pro Jahr…
