Zürcher Stadtentwicklung in Schieflage

Mit der anstehenden Revision der Bau und Zonenordnung (BZO) steht Zürich an einem stadtplanerischen Wendepunkt.

Trotz Ankündigungen eines wohnpolitischen Neuanfangs setzen Stadt und Kanton Zürich weiterhin auf technokratische Planungen, die Freiräume abbauen, statt sie zu sichern. Informelle und kulturelle Nutzungen werden verdrängt, obwohl sie Vielfalt ermöglichen und einen wichtigen Platz für Neues schaffen. Bestehende Gebäude werden abgerissen, wo eine ökologisch und finanziell sinnvolle Weiterentwicklung möglich wäre. Das ist staatlich geförderte Gentrifizierung!

Die versprochene Beteiligung der Einwohner:innen über die Quartiervereine ist in vielen Fällen reine Kulissenschieberei. Dadurch können sich viele Bewohnerinnen an den Planungsprozessen nicht beteiligen. Ihre Perspektiven fehlen, ihre Räume werden umgestaltet, ohne dass bestehende Nutzungen verbindlich gesichert werden. Gerade aktuell zeigt sich der Bedarf an alternativen Räumen am Beispiel der Manegg: Mit dem Baustart des benötigten Schulhauses endet die dortige Zwischennutzung, ohne dass Ausweichmöglichkeiten bestehen. 

Vor diesem Hintergrund ist Abriss auf Vorrat keine Option. Nutzbare Bausubstanz darf nicht zerstört werden, Areale nicht leerstehen oder brachliegen, während gleichzeitig Räume fehlen. Stadt und Kanton müssen ihre Planung endlich konsequent an den realen Bedürfnissen aller Bewohner:innen ausrichten.

Kreis 5, Josef-Areal

Das Josefareal liegt zentral im Kreis 5 in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Hardbrücke. Es fehlt dort an preisgünstigem Wohnraum. Das bisherige städtische Entwicklungskonzept und die Testplanung lassen eine klare sozialpolitische Vision vermissen. Die im kommunalen Richtplan SLöBA festgelegten Nutzungen (3 Werkhöfe, Hallenbad) sind zu gross und fehl am Platz. Dank Druck aus der Bevölkerung (Josef will wohnen) und einer von der AL lancierten Motion im Gemeinderat 2023 (GR Nr. 2023/562) eröffnet sich neu die Chance auf bis zu 500 gemeinnützige Wohnungen, ein Gesundheitszentrum für das Alter, Alterswohnungen, Quartier- und Aussenräume. Dank dem Erhalt der Bausubstanz soll niederschwelliger und nicht kommerzieller Kulturraum, wie die Zentralwäscherei, bestehen bleiben.

Güterbahnhof

Die aktuelle Zwischennutzung des Güterbahnhofs läuft bis August 2027. Danach müssten das Art Dock – der wohl einmalige Raum für Zürcher Kunst – und der Zirkus Chnopf das Areal verlassen. Dass die beiden letzten Hallensegmente des ehemaligen Güterbahnhofs überhaupt noch stehen und zwischengenutzt werden können, ist dem engagierten Architekten Ralph Bänziger zu verdanken. Das Gymi Wiedikon (Kantonsschule Hard) hat zudem konkretes Interesse angemeldet, die Räume künftig für kreative Nutzungen zu verwenden. Statt diese Idee aufzunehmen, wird der geplante Abriss unter anderem mit dem Bau einer Treppe zwischen dem Provisorium der Kantonsschule und der Hardbrücke begründet, für die bislang kein Bedarf ausgewiesen ist.

Damit sind die langjährigen Zwischennutzungen von Artdock und Zirkus Chnopf akut gefährdet. Der Kanton verlangt, dass die Stadt Zürich die Hallen im kommenden Jahr abbricht, obwohl er das Areal neben der Kantonsschule bis mindestens 2031 für ein neues kommerzielles Gastroprojekt verpachtet hat, das demnächst eröffnet wird. Die AL fordert deshalb den für den Vertrag mit dem Kanton zuständigen Stadtrat Daniel Leupi auf, gemeinsam mit seinem Parteikollegen Martin Neukom eine Verlängerung der Zwischennutzungen sicherzustellen.

Kispi-Areal Hottingen, Kreis 7

Laut Regierungsrat soll das Zentrum für Zahnmedizin (ZZM) auf das ehemalige Kispi-Areal verlegt werden, um Platz für die Weiterentwicklung des Universitätsspitals Zürich zu schaffen. Trotz neuer Flächenbedarfsberechnungen des ZZM, wonach der Bedarf inzwischen nur noch rund 8 857 m² beträgt und damit deutlich unter dem heutigen Flächenangebot liegt, sowie Analysen der Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau (ZAS), die einen Abriss der bestehenden Kispi-Gebäude nicht mehr rechtfertigen, hält der Regierungsrat am Abbruch bestehender Bausubstanz fest. Dabei würde der Erhalt der Primärstruktur gemäss Berechnungen rund 6000 Tonnen CO₂ einsparen und somit grosse Mengen grauer Energie bewahren. Der Objektkredit von rund 400 Mio. Franken wurde bisher nicht bewilligt und ist aktuell zurückgestellt. Ein Baubeginn ist weiterhin offen, dennoch wird an den bisherigen Abbruch- und Rochadeplänen festgehalten. Eine Umnutzung der bestehenden Gebäude wäre laut Analyse mit rund 49 Mio. Franken deutlich günstiger als der geplante Neubau. Statt diese Optionen ernsthaft zu prüfen, hält der Regierungsrat an der veralteten Planung fest und blockiert damit eine sinnvolle Weiterentwicklung des Areals im Bestand und neue Projekte, die zur vorhandenen Bausubstanz passen. (mehr)

Schlachthofareal und Mediacampus, Kreise 4 und 9

Die Stadtentwicklung Zürichs in den Kreisen 4 und 9 ist aus dem Gleichgewicht geraten. Renditegetriebene Anlageimmobilien schiessen in die Höhe, während der öffentliche Raum, günstige Gewerberäume und Wohnungen unter Druck geraten. Dazwischen liegt neben dem Letzigrund das Schlachthofareal und der Mediacampus als eine der letzten grossen Inseln. Das Schlachten wird gegen Ende dieses Jahres eingestellt. Anstatt das Areal mehrheitlich in einen Gewerbe- und Arbeitsplatz zu transformieren, fordern wir eine sofortige und schrittweise Öffnung des Areals für die Stadtbevölkerung. Es besteht Bedarf an Frei- und Grünräumen, an niederschwellig zugänglichen und nicht kommerziellen Räumen für Kultur und preisgünstigen Gewerberäumen. In diese Transformation des Schlachthofareals muss zwingend der Mediacampus einbezogen werden. Es besteht tatsächlich die Chance, das Areal mit dem Quartier zu entwickeln und eine grüne, lebendige Oase zu schaffen. 

Sihlquai, Kreis 5

Beim Sihlquai plant der Kanton eine Bildungsmeile mit Berufsschulen für diverse Berufszweige. Vom Erhalt der aktuellen Zwischennutzungen ist keine Rede, betroffen sind zum Beispiel die Photobastei, die Autonome Schule Zürich oder der Impact Hub. Stand heute soll historische Struktur durch eine Schulhaus-Zeile ersetzt werden, die das Quartier durchschneidet und als künstliche Barriere wirkt. Aktuell fehlt auch hier dem Kanton das Geld für das Projekt und es wurde zurückgestellt. Zeit also, das Areal zu retten und so zu gestalten, dass Schule und Kultur in Einklang sind. 

Busgarage Leutschenbach, Kreis 11

Unklar ist weiterhin, wie es mit der grossen Busgarage in Leutschenbach weitergeht. Das Gebäude ist sanierungsbedürftig und muss an künftige Anforderungen der Verkehrsbetriebe Zürich  (VBZ) angepasst werden. Gleichzeitig handelt es sich um ein architektonisch bemerkenswertes Bauwerk mit hoher räumlicher Qualität. 2023 stellte die Denkmalpflegekommission gestützt auf ein Gutachten die potentielle Schutzwürdigkeit fest und empfahl den Erhalt der Anlage. Trotzdem fehlt bis heute eine klare Perspektive für den Bestand. Statt frühzeitig über Erhalt und Weiterentwicklung zu diskutieren, wird vor allem das Entwicklungspotential des Areals betont. Dabei braucht Leutschenbach dringend Freiräume für Jugendliche sowie Kultur- und Soziokulturelle Angebote. Im Quartier wird seit Jahren der Wunsch geäussert, die Bushalle als Markt- oder Eventhalle weiter zu nutzen. 

Die Alternative Liste steht all diesen Planungen kritisch gegenüber. Solange kulturelle Vielfalt nicht verbindlich erhalten und Mitbestimmung nicht real für alle zugänglich ist, führen sie nicht zu einer lebendigen Stadt, sondern zu Vereinheitlichung und weiterer Verdrängung.

(Bild: https://www.zentrum-hardbruecke.ch/news/500-wohnungen-auf-josef-areal-moeglich/)