Für eine Politik der Sorge

Die Abschiedsrede von David Garcia Nuñez anlässlich seines Rücktritts aus dem Zürcher Gemeinderat.

Abschied nehmen heisst immer auch ein bisschen sterben. Das sieht man nicht nur in Frankreich so. 

In den letzten Tagen wurde ich mehrmals gefragt, was ich aus meiner Zeit im Gemeinderat mitnehmen würde. Ich muss zugeben: Diese Frage hat mich zunächst irritiert. Nie habe ich mir überlegt, was ich aus dem Gemeinderat mit nach Hause nehme. Das Parlament war für mich ein Ort des Gebens und nicht des Nehmens.

Die Frage liess mich dennoch nicht los. Und irgendwann fand ich eine Antwort: Nicht die Debatten, nicht die gewonnenen Abstimmungen, nicht die Schlagzeilen.

Was am Ende blieb, war ein Wort: Sorge. 

Denn wenn das Parlament ein Ort des Gebens ist, dann war Sorge das Wertvollste, was ich hier geben konnte.

Als Arzt bedeutet Sorge, Menschen aufmerksam zu begegnen. Patient:innen erzählen nicht nur von Krankheiten. Sie erzählen von ihrem Leben, ihrer Geschichte und letztlich ihrer Würde. In verletzlichen Situationen sind wir alle nicht nur auf die Güte, sondern insbesondere auf die Sorge fremder Menschen angewiesen.

Heute glaube ich: Für die Politik gilt genau dasselbe.

Wir sprechen oft über Wachstum, Finanzen, Zuständigkeiten und Kompetenzen. Das alles ist wichtig. Aber eigentlich geht es immer um dieselbe Frage: Wie sorgen wir füreinander? Wie sorgen wir für jene, die unsere Hilfe am dringendsten brauchen, aber nicht am lautesten schreien?

Die Qualität einer Stadt erkennt man weder an ihrer Skyline noch an ihrem Steuereinkommen oder an glamourösen Rankings. Sie zeigt sich dort, wo niemand hinschaut: am Schalter des Sozialamts, in einer Notfallstation, in einem Kindergarten oder nachts im Tram. 

Ich wollte Sorge geben – den Sans-Papiers, ihrem Recht auf Gesundheit. Den Angehörigen, die ihre Liebsten in Würde pflegen. Den Menschen im Schichtbetrieb, die von besseren Arbeitsbedingungen träumen. Der LGBTIQ+-Community, die nichts anderes will, als selbstverständlich an unserer Gesellschaft teilhaben zu können. Und all den Ausländer:innen, deren Steuern wir gerne entgegennehmen, denen wir aber die politische Stimme vorenthalten. 

All diesen Menschen wollte ich meine Sorge geben – in der Hoffnung, ihnen dafür ein Stück ihrer Sorgen nehmen zu können.

Darum habe ich in diesem Rat oft gestritten. Mehr noch: Ich wüsste kaum jemanden, mit dem ich mich nicht rhetorisch duelliert hätte. Manchmal leidenschaftlich. Manchmal unterhaltend. Manchmal aber auch nur wütend. Dabei habe ich gelernt: Gerade an politischen Gegner:innen kann man wachsen. 

Niemand besitzt die Wahrheit allein.

Parlamentarisch habe ich mich manchmal geirrt. Demokratie lebt jedoch nicht davon, unfehlbar zu sein, sondern dass wir Irrtümer gemeinsam korrigieren. Wer den Mut besitzt, eigene Fehler einzugestehen und gelegentlich auch den Resetknopf zu drücken, macht daher die Demokratie grösser.

Diese Politik der Sorge verdanke ich auch der politischen Tradition meiner Familie und meiner Partei. Wir misstrauen dem Mythos des starken Einzelnen. Wichtige politische Veränderungen wurden möglich, weil viele Menschen einander zugehört, Verantwortung übernommen und nicht aufgegeben haben. 

Demokratie ist immer eine Gemeinschaftsleistung. 

Diese Stadt und dieser Rat brauchen deshalb nicht einfach mehr Wohlstand, faule Kumbaya-Kompromisse oder noch mehr Leuchtturmprojekte zur Erbauung der Privilegierten. Vielmehr muss das Parlament seine Fähigkeit, sich zu kümmern, weiterentwickeln. 

Denn Sorge ist keine Schwäche, sondern Stärke. Sie schafft Vertrauen und Vertrauen formt, trägt und verbindet eine Gesellschaft. 

Sharing is caring. Das sagen wir oft leichtfertig. Ich glaube, für die Politik gilt aber auch das Gegenteil: Caring is sharing. Wer sich kümmert, teilt Verantwortung. Wer Verantwortung teilt, nimmt Menschen etwas von der Last, die sie allein nicht tragen können. 

Niemand rettet sich allein.

Zum Schluss möchte ich mich bedanken. Bei den Menschen, die mich inner- und ausserhalb des Gemeinderats unterstützt haben. Bei meiner Fraktion und meiner Partei, die mich auch in schwierigen Momenten nie allein liessen. Und nicht zuletzt bei denen, die mir legislativ und exekutiv widersprochen haben. Demokratie ist kein Gebäude aus Stein. Sie ist ein permanenter Dialog. Danke für diese Gegenstimmen und die vielseitigen Echos.

Ich wünsche diesem Rat, dass er auch in Zukunft ein Ort des Gebens bleibt. Ein Ort, an dem wir nicht zuerst fragen, was Politik uns bringt, sondern was sie anderen geben kann. Zeit, Aufmerksamkeit, Respekt, Schutz. Und ja: manchmal einfach das Gefühl, mit den eigenen Sorgen nicht allein zu sein.

Dass dieser Gemeinderat zur Heimat einer Politik der Sorge wird.

Denn am Ende – an unserem Abschiedstag – zählt nicht, wie viele Debatten wir gewonnen haben. Entscheidend ist, ob sich Menschen sicher sein können, dass sich die Politik um sie kümmert – und mehr gibt, als sie nimmt.

Vielen Dank.

Würdigung von Tanja Maag

Medienmitteilung zum Rücktritt