Alle vier Jahre führen Parteivorstände viele Gespräche mit möglichen Kandidat:innen für die Regierungswahlen. Es ist jeweils intensiv. Viele Menschen machen sich Gedanken über ihre berufliche und politische Zukunft, was sie erreichen möchten und darüber, wie sich ihre Wünsche mit ihren Lebensentwürfen vereinen lassen.
Die AL – Alternative Linke ist da keine Ausnahme. Auch bei uns fanden viele Gespräche statt. Je länger die Diskussion dauerte, umso grösser wurde die kollektive Lust, das politische System wieder einmal so richtig herauszufordern. Die Idee mit einer Zweierkandidatur hatten Melanie Berner und ich schon vor vier Jahren. Damals haben wir sie aber verworfen, da wir Zweifel an der Umsetzbarkeit hatten. Nun haben wir den Gedanken aber weitergesponnen, erst zu zweit, dann in einer grösseren Runde.
Wir kamen zum Schluss: Wir kandidieren beide. Und wenn eine gewählt wird, dann wird sie von der anderen unterstützt. Denn was sich eine allein nicht zumuten möchte, das schaffen wir gemeinsam mit links. Wir treten nicht als eine klassische Zweierkandidatur an – eine gegen die andere –, sondern mit vereinten Kräften zu zweit. Denn aus unserer Sicht ist es höchste Zeit, Top- Sharing in Exekutivämtern zu thematisieren und zu ermöglichen. Und nein, da hat sich kein Schreibfehler eingeschlichen. Top-Sharing bedeutet Job- Sharing in einem Spitzenjob.
Ein Regierungsamt übersteigt ein 100%-Pensum bei Weitem. Dies schliesst Menschen, häufig Frauen, die unbezahlte Care-Arbeit leisten, von diesem Amt aus. Das muss sich ändern. Was es endlich braucht: Wir Frauen müssen Vollzeit führen können, ohne dafür gesellschaftlich bestraft zu werden. Das heisst flächendeckende, bezahlbare Kinderbetreuung, Gleichstellung von unbezahlter Care-Arbeit mit Lohnarbeit, Nulltoleranz gegenüber Diskriminierung – von der Kandidatur bis zur Berichterstattung in den Medien.
Wir sind zwei Frauen, die es wollen und uns das Amt zutrauen. Wir haben in der Partei den Raum für diese Kandidatur erhalten und erfahren viel Unterstützung. Und ja, wir hinterfragen die gängige Norm und wollen dazu beitragen, sie zu verschieben. Uns ist klar, dass ein klassisches Top-Sharing im Regierungsrat nicht möglich ist. Nur eine gewählte Person kann an den Regierungsratssitzungen teilnehmen. Rundherum gibt es aber viele Möglichkeiten, wie Unterstützung geleistet werden kann. Vom Brainstorming, übers Reden schreiben, Mitdenken, Abwägen von Argumenten, Entwickeln und Umsetzen von Strategien bis hin zur Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Ganz im Sinne von: Wird eine gewählt, teilen wir uns die Arbeit auf und, ganz wichtig, auch der Lohn wird durch zwei geteilt. Ebenso wichtig ist für uns, dass wir die Kampagnenarbeit aufteilen können. Denn unser Top-Sharing beginnt
nicht bei einer allfälligen Wahl, sondern hat bereits mit der Nomination begonnen – radikal sozial und solidarisch eben.
Der Vorteil? Zwei Personen mit unterschiedlichem Wissen, unterschiedlichen Denkweisen, unterschiedlichen Berufserfahrungen und unterschiedlichen Perspektiven. Das ist ein grosser Mehrwert, für die Gesellschaft und auch für den gesamten Kanton Zürich. Wir freuen uns auf die kommenden Monate. Und gerne schliessen wir mit einem Zitat von Yoko Ono: «Ein Traum, den man allein träumt, ist nur ein Traum. Ein Traum, den man gemeinsam träumt, ist Wirklichkeit.»
Der Beitrag erschien am 8.7.2026 im Tagblatt der Stadt Zürich, S. 38.