Liebe Pride-Community,
Liebe Freund:innen,
Liebe Verbündete,
Liebe queere Kinder und Jugendliche
Schön, dass ihr bis zum Schluss geblieben seid!
Die Pride ist das Fest jener Menschen, die in ihrem Leben immer wieder nicht zum Fest eingeladen wurden und damit unsichtbar blieben. Unsere Pride ist die Zeit und der Ort, wo unser in Dunkelheit umhülltes Ich dem Sonnenlicht entgegentritt, so dass unsere Regenbogenfarben erkennbar werden. An der Pride verwandelt sich Scham in Stolz und aus Befürchtungen entstehen wieder Träume.
Wir – queere Menschen – träumen von einem unversehrten Leben: von einem von Gefahren befreiten, sicheren und freien Dasein in der Welt. Wir träumen auch von einem grossen Leben: von einem Leben mit viel Platz für Freundschaft, Wärme, Liebe, Intimität – und warum auch nicht: Glück. Ja – wie jede cis hetero Person – wünschen wir uns Glück! Vielleicht wünschen wir uns das so besonders stark, weil vielen von uns eingeredet wurde, dass Glück für Menschen wie uns nicht vorgesehen ist.
Wir sind bisexuell, lesbisch, schwul, trans, inter, tuntig, butchig, nicht-binär, divers und queer. Allerdings sind wir all das geworden, nachdem wir einen oft anstrengenden Weg gegangen sind. Einen Weg durch die Dunkelheit einer Gesellschaft, die uns sagte, wer wir zu sein hätten. Einen Weg, auf dem wir beschlossen, uns nicht länger zu verstecken, sondern unseren Platz zurückerobern. Und einen Weg, auf dem wir erkannten, dass wir als queere Menschen zwar am Rand dieser Geschlechterordnung stehen, dafür von hier aus Dinge sehen, für die das Zentrum blind bleibt. Diese Erfahrung verbindet viele von uns. Und darum ist es wichtig, dass wir heute in aller Sichtbarkeit hier stehen – und zwar nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Kinder und Teenagers.
Viele von uns waren in ihrer Kindheit und Jugend verloren. Ich war es auch. Auch ich kannte die Angst, anders zu sein. Die Angst, allein zu bleiben. Die Angst, keinen Platz in dieser Welt zu haben. Lange glaubte auch ich, dass Ehrlichkeit über mich selbst ewige Einsamkeit bedeuten würde. Zum Glück hatte ich Unrecht! Freund:innen, Wahlfamilie und die queere Community zeigten mir, dass auf der anderen Seite der Angst nicht Leere und Isolation warten, sondern eine neue Heimat und Zugehörigkeit.
Ist dieser Gang durch die Dunkelheit, Einsamkeit und Angst aber die einzige Coming-Out-Form, die wir unserer queeren Jugend anzubieten haben? Ist das unser einziger Vorschlag, wie sie zu sich selbst finden kann? Ein steiniger, komplizierter und manchmal traumatischer Weg?
Oder stehen wir nicht alle in einer einfachen menschlichen Pflicht? Als Eltern, Ursprungsfamilie, Freund:innen, Wahlfamilie, als Lehrpersonen, medizinisches Personal und sonstige Menschen, den jüngeren Generationen zu zeigen, dass wir sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Queerness bedingungslos lieben?
Die queere Jugend verdient nicht erst nach ihrem Coming-Out, sondern bereits davor Liebe, Hoffnung und ja: auch Glück. Und zwar ohne Scham. Ohne Schuld. Und ohne Kompromisse.
Die queere Jugend zuvorderst, aber auch jede:r von uns verdient das alles – trotz der Menschen, die uns sagen, wir seien falsch, zu viel oder nicht normal. Dieses Glück verdienen queere Menschen – trotz der Institutionen, die sich erst veränderten, nachdem wir sie dazu gezwungen hatten. Jede einzelne unserer heutigen Freiheiten erkämpften unsere Vorgänger:innen. Queere Menschen, die sich unter schlimmsten Umständen sichtbar machten und dafür einen hohen – manchmal den höchsten – Preis bezahlten.
Und genau deshalb werden wir nicht schweigen, wenn Politiker:innen und Medien queere Menschen gegeneinander ausspielen wollen. Wenn sie trans Jugendliche angreifen. Wenn sie ihre Freiheiten zurückdrehen wollen.
Allen diesen Angreifer:innen sagen wir heute gemeinsam: Nicht mit uns! Wir lassen uns nicht spalten! Egal wie alt wir sind, egal woher wir kommen und egal welche Identität wir haben. Denn unsere Unterschiede dürfen niemals stärker sein als das Band unserer Solidarität. Nur gemeinsam sind wir in unserer Queerness stark!
Die Pride ist nicht nur das Fest für und von Menschen, die einst nicht zum Fest eingeladen und unsichtbar gemacht wurden. Die Pride ist auch die Einladung – und zwar an alle – für jede queere Person, jener Mensch zu werden, den wir in unserer Kindheit und Jugend gebraucht hätten und heute noch brauchen. Jener Mensch, der sagt: «Du bist queer und das ist gut so», «Du bist queer und du musst dich nicht verstecken, um geliebt zu werden», «Du bist queer und wir werden dich beschützen». Nicht morgen, nicht irgendwann – sondern heute!
Solange queere Jugendliche Angst haben müssen, stehen wir an ihrer Seite. Solange queere Jugendliche von anderen bedroht werden, stehen wir an ihrer Seite. Solange queere Jugendliche glauben, sie hätten keinen Platz in dieser Welt, stehen wir an ihrer Seite.
Denn wir, welche den steinigen Weg hinter uns haben, wissen, wie eine andere Welt aussieht. Eine Welt, in der unsere Regenbogenfarben nicht nur wie heute an der Pride strahlen, sondern an jedem einzelnen Tag. Und bis dahin bleiben wir: sichtbar, solidarisch und kämpferisch laut!
Es lebe die queere Jugend! Es lebe die Pride!
Vielen Dank!
Rede von David Garcia Nuñez an der Pride 2026 (20. Juni)
