Innerhalb von sieben Monaten hat die Zürcher Stimmbevölkerung über fünf kantonale wohnpolitische Vorlagen entschieden, eine der Rechten fürs Eigentum und drei der Linken fürs Mietverhältnis.
Die Wohneigentums-Initiative des Hauseigentümerverbandes wurde abgelehnt. Das Vorkaufsrecht wurde abgelehnt. Die Wohnschutz-Initiative wurde abgelehnt. Die Wohnungsinitiative wurde abgelehnt. Angenommen wurden die jeweiligen Gegenvorschläge, die der bürgerliche Kantonsrat stellte.
Viele werden dies als Kompromiss bezeichnen. Als Zeichen dafür, dass die Bevölkerung Handlungsbedarf sieht, aber keine zu drastischen Eingriffe will. Doch vielleicht sollten wir genauer hinschauen.
Die Wohnungsnot begleitet Zürich seit Jahren, wir kennen die Ursachen. Die Bodenpreise steigen. Es wird spekuliert, die Mieten angehoben und so die Renditen. Menschen werden verdrängt. Massenleerkündigungen gehören mittlerweile zum Alltag und schaffen es nicht einmal mehr auf die Titelseiten.
Und trotzdem drehen sich die politischen Debatten der regierenden Mehrheiten vor allem um eine Frage, was sich tun lässt, ohne die bestehenden Verhältnisse zu verändern. Der Gegenvorschlag zur Wohnungsinitiative nimmt in die Verfassung auf, dass der Kanton den gemeinnützigen Wohnungsbau stärker fördern soll. Punkt. Weder begleiten diese Änderung konkrete Massnahmen, noch wird die Dynamik steigender Bodenpreise dadurch angetastet.
Der andere Gegenvorschlag betrifft das Vorgehen bei Leerkündigungen. Ob eine Familie ihre Wohnung verliert, wird nicht verhindert. Sie erfährt es aber früher und hat eine klar definierte Ansprechperson. Standards aus der Branche, an die sich die weissen Schafe unter den Immobilienbesitzer:innen bereits heute halten.
Wir diskutieren so, als würden sich zwei gleich starke Interessen gegenüberstehen. Menschen, die wohnen müssen und Menschen, die mit Wohnraum Rendite erzielen. Doch die Machtverhältnisse sind nicht ausgeglichen.
Jede Massnahme, die Mieter:innen schützt, schmälert irgendwo eine Rendite. Jede Massnahme gegen Verdrängung kostet jemanden Geld, das er:sie längst als ihr Eigentum betrachtet. Wer von steigenden Bodenpreisen und Mieten profitiert, hat keinen Anreiz, diese Entwicklung zu bremsen.
Warum sollte jemand freiwillig Macht abgeben, wenn das bestehende System weiterläuft? Die Geschichte gesellschaftlicher Fortschritte ist selten eine Geschichte freiwilligen Machtverzichts. Frauenstimmrecht, Arbeitsrecht oder Sozialversicherungen entstanden nicht, weil die Mächtigen plötzlich einsichtig wurden. Sie entstanden, weil Menschen begannen, bestehende Machtverhältnisse infrage zu stellen.
Vielleicht ist die Situation beim Wohnen besonders perfide. Wer verdrängt wird, verliert nicht nur das Zuhause, sondern oft auch den politischen Einfluss. Sie zieht weg. Sie stimmt anderswo ab und verschwindet aus genau jener Gemeinde, deren Entwicklung sie eigentlich mitgestalten wollte.
Die Wohnungsfrage unterscheidet sich damit von anderen politischen Konflikten. Die bestehende Entwicklung produziert laufend neue Gewin-
ner:innen und verdrängt gleichzeitig die Verlierer:innen und Kritiker:innen.
Und irgendwann trifft diese Entwicklung nicht mehr nur die anderen. Irgendwann fehlen Pflegefachpersonen und Handwerker:innen. Dann finden Unternehmen kein Reinigungspersonal mehr, weil dieses nicht mehr in Reichweite wohnen kann. Dann können sich selbst Teile der oberen Mittelschicht das Leben in Zürich nicht mehr leisten. Vielleicht ist es deshalb Zeit, grösser zu denken.
Am selben Abstimmungssonntag haben wir nicht nur übers Wohnen abgestimmt. Wir haben auch ein Tramprojekt angenommen, das ohne Diskussion Enteignungen vorsieht. Für Strassen und Bahnlinien akzeptieren wir das seit Jahrzehnten als legitimes Mittel, wenn ein öffentliches Interesse besteht. Für Lebensraum nicht? Wohnen ist ein Grundbedürfnis, weshalb behandeln wir es politisch weniger wichtig als Verkehrsinfrastrukturen?
Der Abstimmungssonntag hat gezeigt, dass für renditeeinschränkende Massnahmen keine Mehrheit besteht. Das überrascht wenig. Die eigentliche Frage lautet nicht, weshalb solche Mehrheiten fehlen. Sondern, wie sie unter den heutigen Machtverhältnissen überhaupt entstehen. Vielleicht liegt die eigentliche Lehre dieses Abstimmungssonntags deshalb nicht darin, dass die vorgeschlagenen Lösungen zu weit gingen. Vielleicht liegt sie darin, dass die Wohnungsfrage längst zur Machtfrage geworden ist. Und Macht wurde in der Geschichte nur selten freiwillig abgegeben.
Der Beitrag erschien als Kolumne „Meh Biss“ im P.S. Nr. 24/19. Juni 2026, Seite 10.