Zürichs öffentlicher Raum: Entwicklung oder Blockade?

Die Initiative «Parkplatz-Kompromiss» würde den Stand von Januar 2025 zementieren und künftigen Generationen den Handlungsspielraum nehmen. Um den öffentlichen Raum angenehm und kühl zu halten und eine zukunftsfähige Mobilität zu ermöglichen, braucht es die Umnutzung von Parkflächen statt deren starren Erhalt. Die Analyse von AL-Gemeinderat Michael Schmid.

Am 14. Juni entscheidet die Zürcher Stimmbevölkerung über die Volksinitiative mit dem irreführenden Namen «Parkplatz-Kompromiss». Sie ist kein Kompromiss, sondern eine Extremforderung der Autolobby. Das Begehren verlangt, dass für jeden aufgehobenen Parkplatz auf öffentlichem Grund im selben Quartier zwingend Ersatz geschaffen werden muss. Dies hätte tiefgreifende Auswirkungen auf die Mobilität, die Sicherheit und die Lebensqualität in Zürich.

Die Zahlen

In der lokalpolitischen Debatte wird häufig von einem massiven Abbau des Parkraums gesprochen. Ein Blick auf die Zahlen (Stand 2023) zeichnet jedoch ein anderes Bild:

  • Zuwachs im Privaten: Allein seit 2023 wurden in Zürich rund 6100 zusätzliche private Parkplätze bewilligt.
  • Massvolle Umnutzung: Im gleichen Zeitraum hat die Stadt etwa 1050 öffentliche Parkplätze umgestaltet, um Platz für den Fuss- und Veloverkehr zu schaffen, die Verkehrssicherheit zu erhöhen oder Bäume und Grünstreifen zu pflanzen.
  • Bestand: Trotz dieser Anpassungen stehen im Strassenraum weiterhin rund 42 000 öffentliche Parkplätze zur Verfügung – zusätzlich zu einem Reservoir von über 200 000 Plätzen auf Privatgrund.
  • Trend: Trotz Bevölkerungswachstums sinkt die absolute Zahl der in Zürich gehaltenen Personenwagen stetig.

Gewerbe: Umschlagflächen statt Dauerparkieren

Die Initiative betont den Schutz des Gewerbes, doch eine starre Bestandesgarantie wäre für lokale Betriebe kontraproduktiv. Gewerbetreibende sind weniger auf Langzeit-Parkplätze in der Blauen Zone angewiesen als auf funktionierende Umschlag- und Lieferflächen. Wird der öffentliche Raum durch eine starre Quote eingefroren, fehlt der Spielraum, um gezielt Kurzzeit-Abstellplätze für Handwerksbetriebe oder Lieferdienste dort zu schaffen, wo sie wirklich gebraucht werden. Die heutige Flexibilität erlaubt es, Parkfelder in effiziente Güterumschlagszonen umzuwandeln – ein Spielraum, den die Initiative faktisch abschaffen würde.

Sicherheit und Mobilität: Platz für sichere Wege

Ein zentrales Ziel der Strassenraumplanung sind sichere Schulwege und Velorouten. Auf der Fläche eines einzigen Autos können zehn Fahrräder parkiert werden. Noch wichtiger ist der Platz für die Fahrt: Um sichere, vom Autoverkehr getrennte Velowege zu realisieren, muss der Strassenraum oft neu aufgeteilt werden.

Die Initiative würde solche Projekte blockieren: Müsste für jeden Meter Veloweg, der ein Parkfeld ersetzt, zwingend Ersatz im selben Quartier gefunden werden, kämen viele Sicherheits-Projekte zum Erliegen. Besonders in dicht bebauten Quartieren ist schlicht kein Platz vorhanden, um Parkplätze «zu verschieben».

Lebensqualität im Klimawandel: Hitzeminderung als Notwendigkeit

Die Sommer in Zürich werden heisser. Asphaltierte Flächen speichern Wärme und heizen die Quartiere zusätzlich auf. Die städtische «Fachplanung Hitzeminderung» sieht vor, Flächen zu entsiegeln und Bäume zu pflanzen, um natürliche Kühlung zu schaffen.

Ein Baum im Strassenraum benötigt um sich Fläche, die nicht befahren wird – und die heute oft durch oberirdische Parkplätze belegt ist. Eine starre Garantie für Asphaltflächen steht somit im direkten Widerspruch zum Ziel, die Stadt auch für kommende Generationen bewohnbar zu halten.

Die wirtschaftliche Komponente: Kosten ungenutzter Flächen

Ein oft übersehener Aspekt ist die wirtschaftliche Ineffizienz: Während der öffentliche Raum knapp ist, stehen mehr als 10 % der privaten Parkplätze leer. Schon seit 1970 schreibt das kantonale Bau- und Planungsgesetz vor, dass die Parkierung primär im privaten Raum stattfinden soll.

Dass diese Tiefgaragenplätze oft ungenutzt bleiben, liegt auch daran, dass das Abstellen in der Blauen Zone bisher künstlich günstig war. Die Kosten für den Bau und Leerstand der privaten Garagen werden derweil über die allgemeinen Wohnungs- und Geschäftsmieten quersubventioniert. Wir alle zahlen also für ungenutzten Parkraum mit, während der öffentliche Raum für Autos reserviert bleibt, anstatt ihn für Menschen, Bäume oder effiziente Mobilität zu nutzen.

Neue Regeln ab 2027: Mehr Platz für jene, die ihn brauchen

Mit der neuen Parkkartenverordnung ab 2027 wird die Verteilung fairer: Nur noch jene sind für die Blaue Zone bezugsberechtigt, die keinen Privatparkplatz mieten können. Zusammen mit höheren Gebühren für Wohnmobile werden so zahlreiche Plätze in der Blauen Zone freigespielt. Wer also wirklich auf diese Plätze angewiesen ist, wird es künftig wesentlich einfacher haben, einen freien Platz zu finden.

Auch für das Gewerbe werden neue Parkkarten eingeführt, die sogar das Parkieren ausserhalb der Parkplätze erlauben.

Fazit: Flexibilität für eine moderne Stadt

Die Stadt Zürich wandelt sich. Der Motorisierungsgrad sinkt, während das Bedürfnis nach hochwertigen öffentlichen Räumen wächst. Die Initiative «Parkplatz-Kompromiss» würde den Stand von Januar 2025 zementieren und künftigen Generationen den Handlungsspielraum nehmen. Um den öffentlichen Raum angenehm und kühl zu halten und eine zukunftsfähige Mobilität zu ermöglichen, braucht es die Umnutzung von Parkflächen statt deren starren Erhalt.