Utopien und Grundsatzfragen

Die AL lud zum radikal sozialen Abend mit Sibylle Berg in die Photobastei. Sergio Scagliola vom P.S. war vor Ort.

Was machen Zürcher Parlamentarier:innen, wenn sie schulferienbedingt nicht in den Gemeinderat müssen, weil keine Sitzung stattfindet? Einige Mitglieder der AL-Fraktion – beziehungsweise: eigentlich ist es vor allem David Garcia Nuñez – wollten einen terminfreien Mittwochabend nicht terminfrei belassen. Weswegen die AL zu einer Lesung von Autorin Sibylle Berg in die Photobastei einlud.

Es handelt sich um ein neues Veranstaltungsformat der AL: Bereits zum zweiten Mal organisiert die Alternative Liste eine Veranstaltung, die kein Parteianlass sein soll. Mindestens einmal pro Quartal, vielleicht auch öfter, will die AL einen Kulturanlass durchführen – vor allem Lesungen, aber auch andere Formen sind denkbar. Es geht darum, das Gespräch zu suchen, zu öffnen und zu halten, spezifisch mit jenen Besucher:innen, die vielleicht gar nicht so viel Berührungspunkte mit der AL haben. Das gelang gut. Eine gut gefüllte Photobastei hörte während etwas mehr als einer Stunde interessiert Sibylle Berg zu, die fünf Auszüge aus ihren Texten vorlas und zwischen den Segmenten mit Moderator David Garcia Nuñez über Anarchie und Anarchismus, über Kapitalismuskritik und Utopien sowie über die Problematiken in parlamentarischer Arbeit diskutierte. Wären die AL-Flyer nicht herumgelegen – man hätte nur dank einigen bekannten Gesichtern der Alternativen Liste gemerkt, dass es eine Veranstaltung einer politischen Partei gewesen ist. Es sei denn, man kennt den Slogan der AL, «radikal sozial».

Darum soll es letztendlich aber auch gehen in dieser neuen Veranstaltungsreihe der AL. Die Alternative Liste will sich mit den grossen Fragen auseinandersetzen. Im Zentrum stehen die Diskussionen, Gespräche und Ideen, mit denen die systemischen Problematiken gekontert werden können – mittels radikal sozialer Haltung. Weswegen der Abend auch in mehrere Teile gegliedert war. Zunächst ging es ums Wohnen, dann um Arbeit, um die Warengesellschaft und zuletzt um Migration und darum, diese Konstrukte aufzubrechen.

Dass das keine einfache Aufgabe ist und schnell zu Überforderung führen kann, sah auch Sibylle Berg so: «Die ganzen kleinen Schritte, die Zwischenräume, in denen wir uns bewegen – es ist zu viel.» Innerlinke Streitereien über Dinge, die keine Grundsatzfragen sind, Abspaltung statt Zusammenstehen, beides ist für radikal soziale Ideen und Bewegungen Gift, wenn die Gegenseite längst eine Utopie gefunden hat, die man den Leuten
präsentieren kann: Etwa, wenn die Tech-Kapitalisten die utopische Zukunft versprechen. Das sei auch die Krux mit den Utopien, insbesondere wenn man linke und rechte Utopien vergleicht. Konservative streiten sich darüber, was die Neofaschisten denn eigentlich wollen, was hinter ihrer Utopie versteckt ist. So brauchen die «Spacken», so bezeichnete Berg die Neue Rechte während des Abends immer wieder, gar keinen guten Plan. Wieso auch? Sie seien keine Visionäre, sondern lediglich Kapitalisten, die tun, was Kapitalisten halt machen. Für die Linke funktioniere das anders: Wenn zum Beispiel die Wohnproblematik mittels Umverteilung angegangen werden muss, dann braucht es einen extrem guten Plan.

Die Frage nach der Macht

Eine Frage, in denen die zwei am Mikrofon wohl selbst ein wenig unschlüssig waren, war die Frage nach der Macht. Immerhin sassen zwei Menschen vor dem Publikum, die eigentlich eine Machtaversion hätten, dennoch beide in einem Parlament sitzen. Und gewissermassen auch in ähnlichen Rollen – mit David Garcia Nuñez als Mitglied zweier Ratsfraktionen, die acht von 125 respektive fünf von 180 Ratsmitgliedern stellt und Sibylle Berg mit ihrem Amt im EU-Parlament, als Mitglied einer «Zweipersonenfraktion einer Spasspartei unter 700 Spacken, die wir bekämpfen müssen».

Eine Kritik, die man an einem Abend anbringen kann, der eigentlich im Zeichen radikal sozialer Utopien stand, ist: Die Utopien hätten durchaus ein wenig mehr im Zentrum stehen können. Klar, wer bei Sibylle Berg genau hinhört, erfährt in den Erzählungen aus einer anarchistischen Utopie schon, wie die Probleme rund ums Wohnen, rund um Arbeit, um Luxus oder um politischen Machterhalt in dieser Gesellschaft angegangen und gelöst
werden. Nur: Auch in Bergs anarchistischer Gesellschaft werden sie langsam gelöst. Sind wir hier nicht wieder bei den kleinen Schritten und
Zwischenräumen, die zu viel sind, die überfordern?

Dennoch: Ein gelungener Auftakt einer neuen Veranstaltungsreihe, die tatsächlich nicht nach klassischem Parteianlass wirkte, gut besucht, mit insbesondere in Bezug aufs Alter durchmischtem Publikum sowie einer Autorin, die viel Spannendes zu sagen hatte. Und natürlich: Mit wichtigen
Grundsatzfragen, die, wenn nicht Ferien wären und sie im Gemeinderat gestellt würden, wohl lediglich rote Köpfe und Tiraden von rechts produziert
hätten.

Text und Bild: Sergio Scagliola

Der Beitrag erschien im P.S. 16-26, 24.4.2026, S. 3