Ein Tram zulasten des Quartiers

Obwohl grundsätzlich sinnvoll, weist das Tram Affoltern leider gravierende Mängel bei der FInanzierung und der konkreten Ausgestaltung auf. Die AL lehnt die Vorlage deshalb ab.

Affoltern wartet seit langem auf eine Tramverbindung. Dass deren Bau grundsätzlich sinnvoll ist, ist weitgehend unbestritten. Umso bedauerlicher ist es, dass das Projekt, über welches wir im Juni abstimmen werden, sowohl bei der Finanzierung wie auch bei der konkreten Ausgestaltung gravierende Mängel aufweist.

Der öffentliche Verkehr im Kanton Zürich gilt zu Recht als Erfolgsmodell. Ein zentraler Pfeiler ist der Zürcher Verkehrsverbund, der Angebot und Finanzierung aus einer Hand organisiert. Für den Ausbau steht der kantonale Verkehrsfonds zur Verfügung, in den jährlich 70 Millionen Franken fliessen. Genau dieses System wird jedoch seit Jahren von rechtsbürgerlicher Seite unter Druck gesetzt. 2018 scheiterte der Versuch, die Einlagen radikal auf 20 Millionen Franken zu kürzen, im Referendum klar. Seither wird subtiler vorgegangen: Die Mittel sind vorhanden, werden aber nicht eingesetzt. Obwohl der Fonds heute mit über 800 Millionen Franken gefüllt ist, verweigert die bürgerliche Mehrheit die Finanzierung des Trams Affoltern.

Stattdessen soll nun die Stadt Zürich einspringen und 60 Millionen Franken in den kantonalen Fonds einzahlen. Dies würde einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen: Gemeinden beteiligen sich direkt an kantonaler Infrastruktur. Zusammen mit den forcierten kantonalen Steuersenkungen ist die Absicht klar: die Gemeinden sollen in die Finanzierungslücke springen. Wer dem jetzt zustimmt, muss sich nicht wundern, wenn solche Forderungen künftig zur Regel werden.

Dafür erhalten wir eine neue, deutlich breitere Strasse, welche sich mit aller Brutalität mitten durch das Quartier pflügt. 682 Bäume werden gefällt, lediglich 42 bleiben im öffentlichen Raum stehen. Zwar sind Ersatzpflanzungen vorgesehen, doch deren Wirkung stellt sich erst nach mehreren Jahrzehnten ein. Während diesen würde dem Quartier genau das fehlen, was auch in Affoltern zunehmend wichtig ist: Schatten, Kühlung und Aufenthaltsqualität.

Hinzu kommt der Verlust bestehender Grünstreifen, die zusätzlicher Strassenfläche weichen sollen. Damit gehen nicht nur ökologische Funktionen verloren, sondern auch ein Stück Lebensqualität. Besonders widersprüchlich ist jedoch die verkehrsplanerische Logik des Projekts. Neue Tramlinien sollen eigentlich dazu beitragen, den Verkehr vom Auto auf den öffentlichen Verkehr zu verlagern. Hier geschieht das Gegenteil: Die Flächen für den motorisierten Individualverkehr werden sogar ausgebaut. Ein Anreiz zum Umsteigen entsteht so nicht.

Eine Ablehnung des Projekts würde dieses verzögern, aber nicht beerdigen. In der Zwischenzeit können eine Taktverdichtung beim 32er und der geplante 15-Minuten-Takt der S-Bahn zusätzliche Kapazitäten schaffen. Vor allem aber eröffnet sich die Chance, ein Projekt zu entwickeln, das den heutigen Anforderungen wirklich entspricht: mit weniger Strassenfläche, mehr erhaltenem Baumbestand und einer Finanzierung im Rahmen des bewährten Systems. Schlecht geplant ist glücklicherweise noch nicht gebaut.