Zürich hat gewählt. 125 Gemeinderät*innen, 9 Exekutivmitglieder – und de facto einen Stadtpräsidenten. Doch wer hat hier eigentlich gewählt? Mehr als ein Drittel der Stadtbevölkerung – rund 150 000 Menschen – musste mangels Schweizer Passes schweigen. Bei einer Stimmbeteiligung von etwa 50 % beauftragt also eine Minderheit eine Mikrominderheit über uns allen zu regieren. Demokratie nennt sich das nur, wenn man grosszügig darüber hinwegsieht, wer damit systematisch zum Schweigen gebracht wird. Verstörend, dass diese Tatsache nicht tiefere Risse in unserer demokratischen Selbstgewissheit hinterlässt. Und zwar nicht nur in Zürich.
Denn dieses erzwungene Schweigen hat Methode – und katastrophale Folgen. Zur politischen Wortlosigkeit verdammt, können die «Ausländer» (ja, Sünnelis gendern nicht) seitens der grössten Partei des Landes zum ewigen Feindbild hochstilisiert werden. Wohnungsnot? Wegen der «Ausländer». Steigende Krankenkassenprämien? Wegen der «Ausländer». ÖV-Überlastung? Wegen der «Ausländer». Öko-Kollaps? Immer dieselbe Antwort. Komplexe Probleme werden bewusst vereinfacht, bis sie in ein rechts-rechtes Weltbild passen, das nach unten tritt und nach oben schweigt. Mittendrin die «Ausländer» – als flexible Projektionsfläche.
Diese Erzählung ist jedoch nicht nur falsch, deren analytische Kraft bleibt stets leer. Der Missbrauch der «Ausländer» als sündenbockhafte Chiffre lenkt nämlich nur davon ab, wo die Ursachen unserer Problemen liegen: bei steigenden Mieten durch Renditedruck, bei exorbitanten Prämien durch ein profitorientiertes Gesundheitssystem, bei wachsender Ungleichheit trotz enormem gesellschaftlichem Reichtum. Unsere Krisen kommen nicht von aussen. Sie werden seit eh von oben produziert und verwaltet.
Es ist darum Zeit, die Debatte radikal sozial umzudrehen: weg vom erfundenen 10-Millionen-Schweiz-Problem – hin zu den real von oben gut versteckten Steuermillionen. Das ist die nötige Diskussion.
David Garcia Nuñez schreibt seit diesem Jahr die Kolumne „Kurz gesagt“ im Tagblatt der Stadt Zürich. Dieser Artikel erschien am 08.04.2026.
Bild © Jon Tyson / Unsplash