Positive Gesamtbilanz

945 zusätzliche Wähler:innen in Zürich, ein Sitzgewinn in Winterthur, Wählerzuwachs in Dietikon: Niklaus Scherr zieht eine positive Gesamtbilanz der Kommunalwahlen und sieht gute Voraussetzungen für die Kantonsratswahlen 2027.

Trend zu Bundesratsparteien

Corona, die danach aufflammende Inflation und die Kriege in der Ukraine und Gaza haben in den letzten Jahren den Trend zu mehr Sicherheit verstärkt und begünstigen damit bei Wahlen tendenziell die grossen Bundesratsparteien. Wenig überraschend konnten bei den Gemeinderatswahlen in der Stadt Zürich allen voran die SP, in kleinerem Umfang aber auch FDP, SVP und Mitte in absoluten Wählerzahlen und prozentual zulegen. Auf der Verliererseite standen zuvorderst die Grünen, die 1‘600 Wähler:innen und 4 Sitze einbüssten, und die GLP mit 2 Sitzverlusten; die EVP verlor – trotz massiv höherer Stimmbeteiligung – einen Viertel ihrer Wähler:innen und schaffte den Wiedereinzug in den Rat nicht mehr.

AL mobilisiert 945 zusätzliche Wähler:innen

Für eine kleine, nur lokal verankerte Partei wie die AL, die seit 2022 auch nicht mehr in der Exekutive vertreten ist, war die geschilderte Ausgangslage alles andere als günstig. Dem Negativtrend, der Grüne, GLP und EVP erfasste, konnte die AL jedoch erfolgreich trotzen. In Zürich verzeichneten wir gegenüber 2022 zwar einen geringen prozentualen Rückgang, konnten aber 945 zusätzliche Wähler:innen mobilisieren. Mit 7‘517 Wähler:innen konnte die AL ihre 8 Sitze komfortabel verteidigen und leistete damit einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt der rot-grün-alternativen Parlamentsmehrheit. Diese Mehrheit ist bemerkenswert stabil: Alle linken Parteien – inklusive PdA – kamen auf einen Wähleranteil von exakt 50.00%, 2022 waren es 50.08%.

Ausser im Wahlkreis 7+8 hat die AL in allen Wahlkreisen Wähler:innen hinzugewonnen, besonders markant in den Wahlkreisen 9 (+290) und 4+5 (+219). Während wir in den innerstädtischen Quartieren – wie vor allem das unbefriedigende Ergebnis im Kreis 3 zeigt – den Gentrifizierungsdruck zu spüren bekommen, zeichnet sich in den peripheren Wachstumsquartieren 9, 11 und 12 ein positiver Trend ab.

2014 – 2026: Konstante Wahlergebnisse

Abgesehen vom Höhenflug im Jahr 2018 verzeichnet die AL im Langfristvergleich seit 2014 überaus konstante Wahlergebnisse. Das zeigt, dass wir über eine gefestigte Kernwählerschaft verfügen und auch bei steigender Stimmbeteiligung mithalten können.

Hohe Glaubwürdigkeit der AL

Die Nachwahlumfrage von Sotomo bringt positive Erkenntnisse: 52% haben die AL wegen ihrer hohen Glaubwürdigkeit gewählt und 40% wegen der guten Arbeit im Parlament – beidemal belegt die AL hier den Spitzenplatz unter den Parteien. Bei den 18 – 35-Jährigen kommt die AL mit 11% Wähleranteil auf Platz 4 hinter SP (41%), Grünen (14%) und FDP (13%). Unsere politische Arbeit wird wahrgenommen und kommt bei Jüngeren gut an.

Starker Basiswahlkampf von Tanja Maag

Bei den Stadtratswahlen war das Vierer-Ticket der SP als der mit Abstand stärksten Partei praktisch gesetzt. Vom Moment an, als die Grünen Balthasar Glättli als dritten Kandidaten portierten, war klar, dass es für Tanja Maag eng werden würde. Zwar stellten die Grünen mit ihrer Dreierkandidatur einen überproportionalen Machtanspruch, während die AL bloss um den Einsitz in der Exekutive überhaupt kämpfte. Aber national bekannter Politcrack gegen weitgehend unbekannte Lokalpolitikerin, das war von Anfang an ein ungleiches Rennen. Und bei 7 linken und grünen von insgesamt 9 Sitzen ist bei der Mehrheit der Wählenden offenbar die Grenze erreicht. So gaben zwar 69 bis 82% der AL-Wählenden den Kandidierenden von SP und Grünen die Stimme, aber nur 57% der Grünen- und 50% der SP-Anhänger:innen wählten Tanja Maag. Tanja liess sich von der schwierigen Ausgangslage allerdings nicht unterkriegen und führte bis zum Schluss einen beeindruckenden Basiswahlkampf, der auch die Gemeinderatskampagne mitriss. Gut 30% der Wählenden gaben ihr die Stimme, ein sehr gutes Ergebnis. Laut Nachwahlumfrage von Sotomo wurde sie sogar von 50% der 18- bis 35-Jährigen gewählt.

Starke Ergebnisse in Winterthur und Dietikon

In Winterthur mobilisierte die AL 1‘335 Wähler:innen – 313 mehr als vor vier Jahren – und gewann mit einem Wähleranteil von 4.24% den 2022 nur knapp verfehlten 3. Sitz. Auch in Dietikon legte die AL absolut und relativ zu, erzielte das nach 2014 zweitbeste Ergebnis und verteidigte den bisherigen Sitz problemlos.

Mit dem Sitzgewinn in Winterthur gehört die AL kantonsweit als einzige Nicht-Bundesratspartei zu den Gewinnern der Kommunalwahlen. Ein solides Fundament und ein ermutigendes Zeichen für die Kantonsratswahlen von 2027!

(Grafik aus NZZ vom 11. März 2026)

Postscriptum zur Stimmbeteiligung

In der Stadt Zürich nahmen rund 19‘000 Stimmberechtigte mehr an den Gemeinderatswahlen teil als 2022. Mit 50.37% bei den Gemeinderats- und 52.70% bei den Stadtratswahlen erreichte die Beteiligung historische Höchstwerte (letztmals 1978 mit 51.8%). Sie blieb damit allerdings deutlich unter der Rekordbeteiligung bei den eidgenössischen Abstimmungsvorlagen, wo sie 63.43% erreichte.

Aufschlussreiche Details liefert eine Auswertung von Statistik Stadt Zürich zum Profil der Abstimmenden vom 8. März 2026 anhand der abgegebenen Stimmausweise:

  • Die Beteiligung der volljährig Gewordenen, die 2010 bis 2022 jeweils bei rund einem Drittel lag, schnellte auf 50.5% hoch.
  • Bei den unter 30-Jährigen haben die Frauen bei der Beteiligung mit 4 Prozentpunkten Vorsprung die Nase vorn. Damit bestätigt und bekräftigt sich eine Tendenz, die seit 2014 beobachtet werden kann.
  • Spektakulär ist der Zuwachs der Beteiligung bei den frisch Eingebürgerten, die erstmals abstimmen konnten. Beteiligten sich 2006 noch 11.8% und 2010 20.8%, nahm die Beteiligung ab 2014 mit 36.1% Fahrt auf. 2018 waren es bereits 49.8% und 2022 dann 52.9%. Mit rekordhohen 65.9% lag die Beteiligung am 8. März 2026 sogar über dem Gesamtdurchschnitt. In den Nullerjahren dominierten Einbürgerungen aus Südeuropa und dem Balkan, die stark vom Bedürfnis nach Aufenthaltssicherheit geprägt waren. Seit 2014/2018 ist der Einfluss der EU-Personenfreizügigkeit markant zu spüren: Die neu Eingebürgerten, überwiegend aus unseren EU-Nachbarländern, vor allem aus Deutschland, suchen viel stärker die politische Partizipation.