Die Massenkündigungen und die Wohnungsnot sind in Zürich omnipräsent. Kein Thema beschäftigt die Menschen mehr, seien sie nun Noch-Bewohnende, Ex-Bewohnende, Angestellte, Politiker:innen oder Hauseigentümer:innen. Die Lebensqualität ist gross und den bürgerlichen Fantasien zum Trotz, gerade weil wir uns mehr Unterstützungsangebote leisten. Wer damit konfrontiert ist, die Wohnung zu verlieren und sich auf Wohnungssuche begeben muss, bemerkt schmerzlich, dass in den umliegenden Gemeinden die Kitas nicht selbstverständlich um 7 Uhr morgens öffnen und sie teilweise bereits um 17:30 schliessen. Die ausserschulische Betreuung ist nicht in allen Schulferien gegeben.
Sich darauf zu verlassen, dass die eigene Vermieter:in Wohnraum für Menschen statt für die Profitmaximierung vorzieht, ist ein Roulette aus Hoffnung und vielen Verlierer:innen. Ein Spiel, in dem gezwungenermassen verliert, wer nicht Wohneigentum besitzt oder die Zürcher Variante des Sechsers im Lotto hatte, eine Genossenschaftswohnung oder eine der Stadt. Mit Blueground hat auch ein internationaler Player im Zürcher Business-Apartment-Game sich seinen Platz erobert. Sie mieten Wohnungen oder gar ganze Häuser und vermieten diese als Business-Apartments unter. Die Eigentümer:innen haben mit den lästigen Mieter:innen keine Probleme oder Korrespondenz mehr. Sie entledigen sich der Verantwortung für ihr Eigentum, von der in der Politik so viel zu hören ist.
Mit Reclaim Wiedikon haben wir uns zusammengeschlossen, um unserem Gefühl des Auseindergerissenwerdens und der Angst etwas entgegen zu setzen. Es ist nicht gegeben, dass Profite über Menschen stehen. Es ist nicht notwendig, dass wir in ständiger Angst leben, ob wir es sind, die gehen müssen oder unsere Nachbar:innen, weil die Wohnungen aufgewertet werden und nun Steamer und Waschtürme dort einziehen, die wir uns nicht leisten können.
Eine Gemeinschaft besteht aus den Beziehungen, den Menschen, der Zeit die wir mit einander teilen. Als Lehrerin erlebe ich es tagtäglich, wie in Schulklassen Freundschaften und Beziehungen auseinanderbrechen. Die Kinder verlieren ihre Gspänli, ihr gewohntes Umfeld, ihre Bezugspersonen und die Eltern die kleinen und grossen Unterstützungsangebote, die wir einander bieten. Das Geschwisterkind ist krank und es wäre hilfreich, jemand holt das Kind aus der Schule ab, man kennt sich, jemand springt ein. Ein familiärer Notfall und man ist zum Znacht noch nicht zurück, die Nachbar:innen springen ein. Ein Schwatz im Park oder die Hilfe beim Veloflicken oder die Unterstützung, sein Kind digital für die schulische Betreuung anzumelden. Das fehlt uns. Vielen fällt es schwer, sich nach dem Verlust der Gemeinschaft wieder aktiv einzubringen. Die Angst, die Sicherheit erneut zu verlieren und vom System enttäuscht zu werden, sitzt tief. Wir trauern den Menschen nach, die wegziehen mussten und uns fehlen. Ihre Arbeitskraft wird in Zürich aber oft weiterhin gebraucht. Die Busse fahren sich nicht selbst. Das Spital muss gereinigt werden. Die Spitex kommt auf dem Elektrovelo, um den Haushalt zu machen oder bei der täglichen Körperpflege zu helfen. Die Wasser- und Stromversorgung kann nicht in den angrenzenden Kantonen unterhalten werden. Unsere Brunnen werden hier geputzt. Die Kinder werden hier hier gepflegt. In der Apotheke finden wir hier Rat. Die ärztlichen Leistungen brauchen wir hier.
Unser Leben findet hier statt, aber immer mehr Menschen, die uns dieses Leben ermöglichen, können es sich hier nicht mehr leisten, weil Wohnraum für die Nutzung als Business-Apartments zweckentfremdet wird. Mit Reclaim Wiedikon haben wir recherchiert, welche Wohnungen im Kreis 3 nicht mehr zur Dauermiete zur Verfügung stehen. Es wird anonymer und das müsste nicht so sein. Diese Entwicklung war absehbar und wir sehen nicht ein, weshalb der Stadtrat der Verhinderung dieser Entwicklung nicht schon mit dem ersten Vorstoss der Alternativen Liste 2009 entschieden entgegengetreten ist. Wir sind entschlossen, unsere Quartiere zurückzuholen, denn es wird immer unangenehmer für die Hotel- und Business-Apartmentlobby und die SP, welche diese Verdrängung zu verantworten haben.
Der Beitrag erschien im als Meh-Biss-Kolumne im P.S. 11-26, Seite 10.