(Bild: Pierangelo66 via wikimedia.org)
Am Mittwoch hat der Zürcher Gemeinderat endlich einen Vorstoss von mir überwiesen, der auf den ersten Blick unspektakulär klingt: Frauen sollen zukünftig kostenlos in die Frauenbadi am Stadthausquai. Acht Franken Eintritt – nicht eben eine politische Schicksalsfrage. Und doch geht es um weit mehr als kleinteilige Bäderpolitik. Es geht um Zugang, um Gleichbehandlung – und um einen Ort, der für Zürcherinnen seit über einem Jahrhundert eine besondere Bedeutung hat.
Wer die Frauenbadi kennt, weiss, was gemeint ist: Diese Mischung aus historischem Holzambiente, das kühlende Wasser und die Stille in einer sonst so lauten Stadt. Ein kleines, sommerliches Gegenstück zur Strenge des umliegenden Quartiers. Eine Oase, wo Frau einfach sein kann, ohne Blick, ohne Urteil, ohne Rolle. Hier schwimmen manche, andere liegen lesend auf dem Steg, wieder andere machen fünf Rumpfbeugen – oben ohne, versteht sich. Sportliche Betätigung ist in diesem Ort ebenso individuell wie selbstverständlich.
Und gerade weil dieser Raum so besonders ist, sollte er allen Frauen offenstehen – unabhängig vom Portemonnaie. Acht Franken sind für viele ein Bagatellbetrag, für andere ein Grund, zweimal zu überlegen. Und genau dieses zweimal überlegen entscheidet, ob jemand teilhaben kann oder nicht. Die Atmosphäre und das Privilegs des «unter sich seins» ist eben nur dann inklusiv, wenn sie nicht vom finanziellen Hintergrund abhängt.
Hinzu kommt: Zürichs Flussbäder sind grundsätzlich gratis. Oberer und Unterer Letten, Männerbad am Schanzengraben, Au-Höngg – alle ohne Eintritt. Die Frauenbadi bildet die Ausnahme. Eine historische Ausnahme, wohlgemerkt, die auf einer absurden Definition beruht: Das Sportamt bezeichnete die Frauenbadi einst als Seebad, weil der See im 19. Jahrhundert bis zur Münsterbrücke reichte. Heute gilt es plötzlich als Beckenbad, weil ein abgetrennter Bereich mit Flusswasser existiert. Die Definitionen haben gewechselt, der Eintritt ist geblieben. Alter Zopf, neue Begründung.
Der Stadtrat warnt nun vor übermässigem Andrang und Badetourismus – ein Argument, das spätestens beim Blick auf das Männerbad am Schanzengraben bröckelt. Dort funktioniert der Gratis-Eintritt seit Jahren, ohne Chaos, ohne Masseninvasion. Wer Männern zutraut, sich zivilisiert in einem kostenlosen Bad zu bewegen, sollte Frauen denselben Vertrauensvorschuss gewähren.
Und selbst wenn die Frequenz steigen sollte: Besucherinnenströme lassen sich heute sinnvoll lenken. Eine transparente Online-Anzeige der aktuellen Belegung wäre ein Anfang. Der Umstand, dass Kinderwagen aus Sicherheitsgründen nicht mitgenommen werden dürfen, hat ohnehin bereits eine regulierende Wirkung. Eine unsoziale Steuerung über den Preis ist folglich kaum alternativlos.
Die momentane gesellschaftliche Ungleichheit aufzuheben, halte ich aber nicht nur aus sozialpolitischer Perspektive für sinnvoll. Der Erlass des Eintritts wäre ein Zeichen der Offenheit und Inklusion. Es geht nicht darum, sportliche Inaktivität zu bekämpfen – ein Argument, das der Stadtrat bemüht hat und das an der Realität dieses Ortes vorbeigeht. Es geht darum, einen sicheren, geschützten Raum zugänglich zu machen, der für viele Frauen – unabhängig von Herkunft, Religion oder Körperbild – eine seltene Möglichkeit bietet, sich ungestört im öffentlichen Raum zu bewegen.
Zürich hat in der Vergangenheit oft bewiesen, dass die Stadt bereit ist, gesellschaftliche Entwicklungen mitzutragen. Der kostenlose Zugang zum Frauenbad wäre ein kleiner, aber wichtiger Schritt in diese Richtung. Ein Schritt weg von veralteten Definitionskünsten – und hin zu echter Gleichbehandlung. Für mich ist klar: Ab der nächsten Badesaison im April soll diese Oase allen Frauen gehören.