
(Bild: Nathan Cima / unsplash.com)
Im Kantonsrat wurde über die kantonale Volksinitiative «Für eine Schule mit Zukunft – fördern statt überfordern» (Förderklasse-Initiative) debattiert. SVP, FDP und GLP fordern mit einer Gesetzesänderung, dass alle Gemeinden bei Bedarf Förderklassen oder Kleinklassen führen müssen.
Und täglich grüsst das Murmeltier. Denn über einen fast wortgleichen Vorstoss mussten wir schon anfangs Monat befinden. Auch jetzt hören wieder dieselben Ammenmärchen über Kostenneutralität, Entlastung der Regelklassen und Klassenlehrpersonen und die Durchlässigkeit zwischen Förderklassen und Regelklassen durch die Einführung von Kleinklassen. Auch mit einem guten Titel wird um Aufmerksamkeit geheischt. Für eine Schule mit Zukunft. Wer will das nicht?
Die Initiant:innen setzen sich auf jeden Fall nicht für eine Schule mit Zukunft ein. Denn sie wollen zurück in die Vergangenheit, zurück zu den Kleinklassen, zurück zur Separation. Sie wollen keine integrative Schule, auch wenn sie das natürlich nicht so explizit formulieren. Viel eher möchten sie mit der Förderklassen-Initiative den Weg ebnen, um sogenannte Störenfriede in Kleinklassen abzuschieben und dies mit dem Verkaufsargument, es gehe besagten Kindern in einer kleineren Gruppe besser. Es gehe den Lehrpersonen besser. Und dann behaupten sie auch noch, das integrative Schulsystem führe zu weniger Chancengleichheit.
Aber warum stören Kinder den Unterricht? Sie stören, weil sie über- oder unterfordert sind, vielleicht eine schwierige Familiensituation zu verarbeiten haben, vielleicht, weil sie eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung haben, einige brauchen mehr Bewegung als andere im gleichen Alter und wieder andere haben Verhaltens- oder Lernschwierigkeiten, weisen also eine Neurodivergenz auf. Es gibt viele Gründe und sie sind individuell. All diese Kinder sollen nun zusammen in eine Kleinklasse gesteckt werden?
Es stimmt, einige Kinder entfalten ihre Fähigkeiten in kleinen, eng begleiteten Gruppen, anderen brauchen mehr Bewegungspausen oder Rückzugsmöglichkeiten. Die gute Neuigkeit? Das alles ist bereits heute möglich und mit dem Gegenvorschlag der Bildungsdirektion würden die individuellen Lösungen der Schulen weiter gestärkt. Dieser sieht Ressourcen für erweitere Lernräume vor.
Ein weiteres Verkaufsargument für die Förderklassen-Initiative ist die Entlastung der Regelklassen und der Klassenlehrpersonen. Weil durch die verlangte Kostenneutralität Förderlehrpersonen aus den Regelklassen abgezogen werden, fallen dort aber Unterstützungsleistungen weg. Und: Schüler:innen werden auf Entscheid der Schulpflege hin in Förderklassen eingeteilt. Was hier in einem Satz so locker flockig daherkommt, ist ein aufwändiger bürokratischer Akt. Schulische Standortgespräche, zusätzliche Elternarbeit, Anträge bei der Kreisschulbehörde und eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass mehr Rechtsmittel ergriffen werden, da sicherlich nicht alle Eltern mit der Einteilung ihres Kindes in eine Förderklasse einverstanden sein werden.
Ergo: Die Entlastung der Klassenlehrperson sowie der Regelklassen würde durch andere Parameter wieder wettgemacht.
Die Kostenneutralität, welche die Initiative fordert, wird nicht möglich sein. Es braucht Investitionen in die Infrastruktur, der administrative Aufwand wird erhöht und mehr Heilpädagog:innen werden benötigt.
Warum glauben die Befürworter der Förderklassen-Initiative nicht, dass die Gemeinden die gesetzlich bereits vorhandenen Möglichkeiten für Entlastungsangebote für ihre Schulen gut und richtig umsetzen? Warum glauben sie nicht an unsere Schulen die tagtäglich ihr Bestes geben und die Herausforderungen meistern, die immer wieder als unlösbar dargestellt werden? Ein Blick in die Schulen reicht, um diese vielfältigen Entlastungsmöglichkeiten zu sehen, die bereits angeboten oder erarbeitet werden.
Jede Schule weiss selber am besten, was ihr Entlastung bringen. Ob Schulinseln, Kleinklassen, Denkoasen, Förderzentrum, Tankstellen, Sternstunden… Unsere Schulen lösen die Probleme, von denen ständig behaupten wird, sie seien unlösbar – fast immer ohne Kleinklassen. Auch diese Initiative wird die Gemeinden nicht davon überzeugen, dass diese die richtige Lösung sind.
Für die Alternative Liste ist klar, dass die Politik gefordert ist, um Integration zu ermöglichen und weiterzuentwickeln. Kinder, die nicht der Norm oder bestimmten Vorstellungen entsprechen, einfach in Kleinklassen zu parkieren und ihnen so einen Stempel auf die Stirn zu drücken ist ungerecht, rückwärtsgewandt und ineffektiv. Wir wollen keine Kinder 2. Klasse.
Für die Alternative Liste ist Förderklassen-Initiative ein Wolf im Schafspelz und vermag nicht zu halten, was sie verspricht. Wir lehnen sie dezidiert ab. Daher werden wir uns zu gegebener Zeit auch überlegen, das Referendum zur Umsetzungsvorlage zu ergreifen. Für eine Schule mit Zukunft.
Die Schule hat mündige, gebildete und selbständige Erwachsene zum Ziel. Es ist erwiesen, dass integrierte Schüler:innen als Erwachsene besser an der Gesellschaft teilhaben können und der Rest der Klasse keinen Nachteil hat. Von der Integration profitieren wir als Gesellschaft – auch ökonomisch, nämlich wenn Erwachsene selbständig ihr Leben führen können und auf weniger Hilfe angewiesen sind.
Der Kantonsrat hat die Möglichkeiten, sich für eine Schule mit Zukunft einzusetzen und Regelklassen wie auch Lehrpersonen wirksam zu entlasten: kleinere Klassen, Teamteaching, die Verbesserungen des neu definierten Berufsauftrags (nBA) und auch die Unterstützung des Gegenvorschlags zu «erweiterten Lernräumen». Leider wurde diese Tür heute im Kantonsrat zugeschlagen. Die Förderklassen-Initiative wurde an den Regierungsrat überwiesen und nun hat die Bildungsdirektion bis im November Zeit, eine Umsetzungsvorlage auszuarbeiten.
Der Text eine leicht angepasste Fassung des Votums von Nicole Wyss anlässlich der Debatte um die Förderklassen-Initiative im Zürcher Kantonsrat am 24.3.2025.